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Sierra Leone - 🇸🇱 Die Schönheit Afrikas


Ich entschied, dass ich mich fit genug fühlte, um Monrovia hinter mir zu lassen. Unterwegs traf ich Alfred, den Mechaniker, mit dem ich bereits telefoniert hatte. Er klang kompetent – und das bestätigte sich. Alfred nahm Arby’s Kette ab und ersetzte sie durch eine alte, aber eingelaufene. Genau das, was mein Antrieb brauchte. Ich weiß mittlerweile: Entweder man wechselt die Kette alle 100 Kilometer oder ersetzt gleich die ganze Kassette mit.


Zwar war mein ursprüngliches Problem damit nicht wirklich gelöst – aber Arby lief nun wieder wie geschmiert. Das war alles, was zählte.


Weit kam ich dennoch nicht – nur bis an den äußersten Stadtrand. Dort checkte ich in ein Hotel ein. Kurios: Ich musste es online buchen, obwohl ich bereits an der Rezeption stand – online war es 10 Dollar günstiger. Wieder fragte ich mich, warum man mir den Rabatt nicht direkt gewährt. Aber solche Diskussionen führen in Afrika ins Leere. Es interessiert niemanden. Nie.

Das Zimmer glich einer Baustellenbaracke, war aber überraschend freundlich – sogar mit Klimaanlage und heißer Dusche.


Nachts überkam mich dann allerdings der Schüttelfrost. Ich schob es auf die Klimaanlage und stellte sie aus. Am nächsten Morgen fühlte ich mich halbwegs fit – also fuhr ich los. Doch unterwegs kam der Einbruch: Schwächeanfälle, Schüttelfrost bei 30 Grad Außentemperatur. Immer wieder musste ich Halt machen, bat erschöpft um einen Platz zum Ausruhen. Schwindel, Übelkeit, Blutverlust – meine Periode in Kombination mit Blutverdünnern forderte ihren Tribut.


 

Eine meiner vielen Pausen an diesem Tag
Eine meiner vielen Pausen an diesem Tag

Irgendwie schaffte ich es bis ins Dorf Kle. Bei der Polizeistation fragte ich nach einer Unterkunft. Der Polizist deutete schweigend in eine Richtung – weit weg, wie ich vermutete. Ich erklärte ihm, dass ich nicht mehr weiter konnte. Völlig am Ende - den Tränen nah. Er brachte mich in einen großen Raum der Station, wo ich meine Matte ausbreitete und zwei Stunden sofort einschlief.


Auf der Polizeistation
Auf der Polizeistation

Später bat ich darum die ganze Nacht dort zu verbringen. Weiterfahren war keine Option, weder zu radeln noch mit dem Auto. Ich schwitzte, fror, wachte, schlief wieder ein. So schlecht wie an diesem Tag ging es mir noch nie.


Am Morgen fühlte ich mich kaum besser, aber ich begann langsam, meine Sachen zu packen. Ein Polizist organisierte mir ein Auto bis zur Grenze. Ich war einmal mehr beeindruckt, wie hilfsbereit die Menschen hier sind. Vertrauen funktioniert. Einmal mehr blieb mir nichts anderes übrig als mich einfach in die Hände von wildfremdem fallen zu lassen.


Ein Mitfahrer bot sich an, mir ein Guesthouse zu zeigen – zwei Kilometer entfernt. Ich sagte, ich könne das mit dem Fahrrad fahren, aber er bestand darauf, mich zu begleiten. Der Besitzer der Unterkunft war ebenfalls freundlich. Auf der anderen Straßenseite war ein Health Center, aber ich war zu erschöpft. Ich wollte nur schlafen.

Wieder: starkes Schwitzen, Schüttelfrost in der Nacht.


Am nächsten Tag ging ich ins Health Center. Es war einfach, aber funktional. Sie wollten mein Blutlevel messen – die Maschine war defekt. Ein Malariatest war jedoch möglich. Positiv. Es überraschte mich kaum. Ich bekam Tabletten, sogar Eisen – kostenlos. Ich war überrascht. Positiv überrascht.

Im Health Center - wenigstens meine Prostata ist Okay...
Im Health Center - wenigstens meine Prostata ist Okay...


Ich blieb eine Nacht länger. Mein Plan: die gesamte Strecke nach Freetown per Auto zurücklegen. Aber selbst dafür musste ich fitter sein.


Am nächsten Tag fühlte ich mich besser – dank der Medikamente. Ich fuhr zur Grenze, ließ mich aus Liberia ausstempeln, tauschte Liberties gegen Leones.  Auch die leonische Simkarte war schnell organisiert.


Dann 500 Meter weiter bis zur Immigration von Sierra Leone. Am Health Check wurde mein Fieber gemessen. Immer wieder hielt der Mann das Thermometer an meine Stirn, dann an seine. Schließlich winkte er mich durch. Laut Anzeige hatte ich 26 Grad. Ich war also klinisch* tot und so fühlte ich mich auch.


Er begleitete mich durch die Immigration, half mit dem Visa – das ich im Regen erst in der Tasche vergessen hatte. Dann lief er mit mir ins erste Dorf, organisierte mir ein Taxi nach Bo. Bei der Polizeistation wartete ich, der Beamte teilte eine Guave mit mir. Die erste Frucht seit Wochen. Ich war erschöpft, dankbar, leer.


Auf dem Weg nach Sierra Leone
Auf dem Weg nach Sierra Leone

Still saß ich im Taxi nach Freetown. In Bo wechselte ich das Fahrzeug. Zwei Plätze für mich allein (zwei Plätze = ein Beifahrersitz) – ich wollte einfach nur durchhalten. In Freetown angekommen, war es bereits spät. Der Fahrer Kelly half mir, ein Hotel zu finden – und versprach, mich am nächsten Tag ins Krankenhaus zu begleiten.


Kelly - einfach ein guter Typ
Kelly - einfach ein guter Typ

Und tatsächlich: Er kam. Mit dem Keke (einem TukTuk) brachte er mich in ein sauberes Spital. Bluttests, Scan vom Bein. Die Venen waren okay. Also doch keine Thrombose. *Der Blutfluss in Ordnung. Das Blutlevel niedrig – kein Wunder. Ich bekam eine Infusion, weiß nicht genau was, aber es half.


Fazit: Ich weiß nicht mehr als vorher, bin aber beruhigt sind meine Venen in den Beinen und der Blutfluss in Ordnung.

Und am wichtigsten; mir geht es definitiv besser.


Ich ließ am nächsten Tag noch einen HIV-Test machen – einfach, um sicher zu nach so vielen Spitalbesuchen in letzter Zeit. Negativ. Und wieder: kostenlos.


Die letzten Tage, haben mir einmal mehr die Menschlichkeit gezeigt. Auch wenn ich nichts mehr hasse, als meine Verantwortung komplett abzugeben, blieb mir schlicht und einfach nichts anderes übrig. Es ist rührend, wie sehr sich wildfremde Menschen um mich gekümmert haben.

Auf so einer Reise lernt man eben nicht was man lernen will, oder was man erwartet zu lernen. So eine Reise lehrt einem was man lernen MUSS. -




Freetown ist erstaunlich grün und hügelig. Die Stadt ist aber wie jede andere afrikanische Stadt. Um ehrlich zu sein habe ich keine grosse Lust sie zu erkunden.


Freetown
Freetown

Ich fuhr also aus der Stadt raus – wobei das eigentlich bedeutete, dass ich zuerst noch richtig rein fahren musste. Der Verkehr hielt sich aber überraschend in Grenzen, es war fast angenehm. In Kissy nahm ich dann die Fähre nach Tagrin. Die Überfahrt dauerte rund 40 Minuten. An Bord waren viele Frauen, die Essen und Getränke verkauften, sowie neugierige Motorradfahrer, die sich interessiert mit mir unterhielten.


Ab auf die Fähre - raus aus der Stadt
Ab auf die Fähre - raus aus der Stadt

Auf der anderen Seite angekommen, war ich endlich wirklich außerhalb von Freetown. Die Straße war ruhig, von Bäumen gesäumt, gut asphaltiert – fast meditativ. Gleich neben dem internationalen Flughafen von Freetown fand ich eine schöne Unterkunft. Trotzdem: Ich komme immer noch nicht darüber hinweg, wie überrissen die Preise für Unterkünfte in Liberia und Sierra Leone sind. Für dieses Zimmer bezahlte ich stolze 50 USD – und das war das günstigste, was ich finden konnte. Der Standard ist in Ordnung, mit fließendem Wasser und manchmal sogar Strom, aber der Preis bleibt happig.


Vor einigen Tagen hatte ich das Visum für mein nächstes Land, Guinea Conakry, beantragt. Jetzt heißt es warten. Und da ich mich mit meiner Reisegeschwindigkeit mal wieder verschätzt habe, muss ich gezwungenermaßen langsam machen, bis ich zur Grenze kann.


Die Straße ist perfekt: flach, geschmeidig, wunderbar asphaltiert. Kinder rufen mir begeistert zu, als würde ich im gelben Trikot die Tour de France anführen. Am Straßenrand entdecke ich einen Mann mit einer Nähmaschine und beschließe, meine stark ramponierte Kühlbox/Lenkertasche reparieren zu lassen. Sie war längst fällig – an allen Ecken eingerissen. Geduldig umnähte er sie mit buntem afrikanischen Stoff, und ich war mit dem Ergebnis mehr als zufrieden.


Der Näher mit Zigarette im Mund
Der Näher mit Zigarette im Mund


Am späten Nachmittag begann es zu regnen – erst leicht, dann immer stärker. Bei einer Kreuzung fand ich Unterschlupf unter einem Dach. Wenige hundert Meter zuvor hatte ich eine Schule gesehen und überlegt, dort nach einem Schlafplatz zu fragen. Der Hunger hatte mich jedoch weitergetrieben. Jetzt drehte ich um, kehrte zur Schule zurück – und bekam sofort die Erlaubnis des Direktors sowie den Schlüssel für ein Klassenzimmer.


Wieder einmal froh über die Schulferien
Wieder einmal froh über die Schulferien

Der Regen wurde heftig, fast schon tropisch. Ich hatte immer noch Hunger und zog meine Regenjacke über, um zurück zur Kreuzung zu laufen. Dort bekam ich allerdings die ernüchternde Nachricht, dass es in der Nähe kein Restaurant mit warmem Essen gäbe. Zum Abendessen gab es daher nur durchnässtes, labbriges Brot und einen Becher Kaffee.


Auch in Sierra Leone gestaltet sich die Versorgung schwierig. Immer wieder stehe ich vor leeren Regalen oder Restaurants, die nichts mehr servieren können. Die Tage gleichen sich. Und vom Visum für Guinea Conakry – immer noch keine Spur. Trotzdem radle ich weiter, langsam, dem Grenzgebiet entgegen. Schlafe vir einer katholischen Kirche, werde früh Morgens von Kirchengesang geweckt.

Die Kinder rufen ständig "Aboto, Aboto..." Es hat fast ein ganzes Land gedauert, bis ich gemerkt hatte, dass dies das Wort für "Weisse/Fremde" ist uns sie kein Foto mit mir wollen.

Das erklärt wenigstens die verwirrten Gesichter, wenn ich mit den Kindern Selfies aufgenommen habe. Es ist wie immer, wenn Kinder diese Worte rufen, ist es sehr tagesformabhängig wie ich darauf reagiere und wenn es Erwachsene tun, (hier sehr selten) bekomme ich den Drang ihnen die Fresse einzuschlagen.


Nun bin ich nur noch 10 Km von der Grenze zu Guinea Conakry entfernt, es ist Wochenende und es ist immer noch kein Visa in Sicht.



Sierra Leone hat mich wie die Elfenbeinküste und Liberia in seinen Bann gezogen. Die Menschen sind ausserordentlich nett. Die Landschaft wunderschön. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich mich langsam nach den trockeneren Länder meiner Reise sehne. Es gab keinen Tag in Sierra Leone und Liberia, wo ich nicht meine Regenjacke anhatte. Ausserdem kann ich es kaum erwarten (hoffentlich) wieder etwas mehr Essen neben der Strasse anzutreffen. Hier in Sierra Leone, habe ich nur 2x Früchte kaufen können. In Freetown und in Mange. Bananen, Guaven (nicht reif) und aus Europa importierte, überteuerte Äpfel.





 



 

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